Wie aus roher Wut Lebenskraft wird

Ein Gastbeitrag von Soma Farzaneh – Körpertherapeutin, Tanzpädagogin und Gründerin von Soma Qi Gong. In diesem Beitrag teilt sie eine tiefbewegende persönliche Erfahrung, die ihren Lebensweg geprägt hat, und erklärt aus therapeutischer Sicht, wie wir blockierte Emotionen wie Wut in gesunde Lebensenergie (Qi) transformieren können.

Inhaltsverzeichnis

Momente, die uns verändern

Es gibt vielleicht nur zwei oder drei Momente im Leben, an die wir uns nicht als bloße Erinnerung, sondern als einen Zustand des puren Seins erinnern. Momente, in denen etwas Altes, Instinktives durch den Körper bricht – mit einer solchen Wucht, dass die Person, die man bis zu diesem Atemzug war, danach nicht mehr dieselbe sein kann.

Für mich war dieser Zustand die Wut.

Nicht der alltägliche Ärger über verletzten Stolz oder kleine Konflikte. Sondern eine archaische, physische Kraft. Als Kind war ich friedfertig. Ich spürte die Wut anderer oft, bevor sie überhaupt an der Oberfläche ankam – wie ein fernes Grollen vor dem Sommergewitter. Diese Sensibilität hat mich jahrelang geschützt.

Bis ich vierzehn war.

Die geschlossene Faust

Ich tanzte draußen, vor einer Moschee. Mein Körper fühlte sich frei an, bewegte sich ohne Entschuldigung, einfach dem Impuls des Lebens folgend. Dann stoppten mich drei Männer.

Erst kamen die Fragen. Dann die Demütigung. Schließlich das schleichende Gift sexualisierter Beleidigungen. Ihre Worte sollten mich nicht nur zum Schweigen bringen. Sie sollten mich brechen. Sie sollten mich daran erinnern, dass mein Körper, meine Freiheit und meine Freude gefälligst unter der Kontrolle ihres Blickes zu existieren hatten.

In diesem Moment explodierte etwas in mir, das ich bis dahin nicht kannte. Eine Intensität, die mich heute noch erzittern lässt, wenn ich daran zurückdenke. Wenn meine Hände frei gewesen wären, hätte ich in diesem Augenblick getötet. Nicht aus Zerstörungswut, sondern weil etwas in mir sich weigerte, ausgelöscht zu werden.

Aber ich hielt Muscheln in den Händen – meine Finger konnten sich nicht öffnen. Die Kraft war im Körper gefangen. Sie hatte kein Ventil nach außen.

Mein Kiefer presste sich zusammen. Die Muskeln in meiner Kehle, meinem Mund, meiner Brust zogen sich zusammen und bündelten sich zu einem einzigen, absoluten Zweck: Klang. Wenn meine Hände nicht schlagen konnten, dann würde es meine Stimme tun.

Der Schrei, der aus meinen Lungen brach, fühlte sich nicht menschlich an. Er war uralt. Animalisch. Weiblich. Terrorisierend für diejenigen, die ihn hörten. Es war nicht der Schrei eines Opfers. Es war der Schrei von etwas, das sein fundamentales Recht auf Existenz verteidigt.

Woman. Life. Freedom. In seiner pursten, ungefilterten Form.

Die Männer ertrugen diesen Klang nicht. Sie wollten Angst und Gehorsam, stattdessen trafen sie auf eine Urgewalt. Um mich zum Schweigen zu bringen, drückten sie brennenden Schmerz in meinen nackten Arm. Eine Strafe. Ich trage die Narbe noch heute. Und ich habe sie nie gehasst. Weil sie mich daran erinnert, dass die Angst an diesem Tag nicht gesiegt hat.

Wenn das Qi implodiert

Heute arbeite ich als Körpertherapeutin und blicke mit anderen Augen auf dieses Erlebnis. In unserer Gesellschaft gilt Wut – besonders bei Frauen – als hässlich, destruktiv und gefährlich. Wir lernen früh, sie wegzulächeln, sie herunterzuschlucken, sie zu deckeln.

Aus therapeutischer Sicht ist das eine Katastrophe. Wut ist im Kern nichts anderes als hochkonzentrierte Lebensenergie (Qi). Es ist die Energie des Schutzes, des Vorwärtsgehens, des Setzens von gesunden Grenzen. Wenn wir diese Kraft unterdrücken, verschwindet sie nicht. Sie implodiert.

Wenn das Qi der Wut nicht fließen darf, liegt es als Blockade im Körper. Es manifestiert sich als chronische Verspannung im Nacken, als nächtliches Zähneknirschen (Kieferpressen), als flache Atmung im blockierten Zwerchfell oder langfristig als emotionale Erschöpfung und Depression. Die geschlossene Faust von damals, die keine Richtung fand, richtet sich dann gegen uns selbst.

Soma Qi Gong: Die Kunst der Transformation

Wir können im Alltag nicht jedes Mal schreien, wenn unsere Grenzen verletzt werden. Aber wir dürfen die Kraft, die in uns steckt, auch nicht einfrieren lassen. Die Frage ist: Wie kanalisieren wir diese Urgewalt, ohne zerstörerisch zu werden – weder gegen andere, noch gegen uns selbst?

Genau hier setzt meine Arbeit bei Soma Qi Gong an.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird die Wut dem Holzelement und dem Funktionskreis der Leber zugeordnet. Holz will wachsen, sich ausdehnen, kraftvoll nach oben streben. Wird es starr oder eingesperrt, bricht es oder schlägt wild um sich. Gong bedeutet übersetzt „Kultivierung“ oder „beharrliche Arbeit“.

Mit Soma Qi Gong lernen wir, die feurige Energie der Wut nicht zu bewerten oder zu unterdrücken, sondern sie durch präzise, fließende Bewegungen, tiefe Atmung und klaren Fokus im Körper zu bewegen.

Wir öffnen die geschlossenen Fäuste. Wir lösen den Druck aus dem Kiefer. Wir nehmen die Energie der Grenze und verwandeln sie in innere Stabilität, Klarheit und würdevolle Präsenz.

Deine Narben und deine Wut sind kein Beweis dafür, dass du beschädigt bist. Sie sind der Beweis dafür, dass du die Kraft hast, zu widerstehen, zu wachsen und ganz bei dir selbst anzukommen – ohne dich jemals wieder kleiner zu machen, als du bist.

Über die Autorin & Kontakt

Soma Farzaneh begleitet Menschen in ihrer Praxis dabei, durch die Verbindung von moderner Körpertherapie und traditionellem Qi Gong tiefsitzende Blockaden zu lösen und in ihre volle Kraft zu kommen.

Möchtest du lernen, deine Emotionen zu verstehen und dein inneres Qi fließend zu kultivieren? Erfahre mehr über Somas Arbeit, aktuelle Workshops und Einzel-Sessions: https://qigongsoma.com/

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